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Die Diskussion um embryonale Stammzellen (ES-Zellen) ist voll entbrannt, nachdem das britische Unterhaus in einer lesenswerten Debatte am 19.12.00 den Empfehlungen einer Expertengruppe gefolgt ist, die Forschung an klonierten menschlichen Embryonen unter strikten Auflagen zu legalisieren. Das Erzeugen von ES-Zellen durch somatischen Zellkerntransfer (die Technik, die das schottische Schaf Dolly hervorbrachte) ist wissenschaftlich hoch attraktiv. Man verspricht sich davon, für kranke Menschen passgenau gesundes Gewebe produzieren zu können. Man kann sich leicht vorstellen, dass sich damit bisher ungeahnte Therapiemöglichkeiten für Verschleißerscheinungen, Alterskrankheiten und auch Krebserkrankungen ergeben könnten. |
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Das Arbeiten mit ES-Zellen wirft aber ethische Fragen auf. Hauptgrund für ethische Bedenken ist, dass die Trennlinie zwischen dem Erzeugen von ES-Zellen zur Produktion von therapeutisch erwünschtem Gewebe und dem Erzeugen eines kompletten Lebewesens (dessen Entwicklung auf dem Weg zum gewünschten Produkt willkürlich nicht zugelassen würde) unscharf und willkürlich ist. Weniger problematisch wäre es, mit Zellen zu arbeiten, die die gewünschten Zellen, z.B. Nervenzellen, produzieren könnten, aber keine Fähigkeit zur Erzeugung eines gesamten Organismus hätten. Damit würde gar nicht erst die Problematik aufkommen, die Entwicklung zu einem menschlichen Organismus blockieren oder ihn gar abtöten zu müssen. Solche Stammzellen sind bereits bekannt. Man bezeichnet sie als „determinierte" oder „adulte" Stammzellen. Im Gegensatz zu ES-Zellen haben sie während ihrer Entstehung eine Schwelle durchlaufen, die ihnen nur noch beschränkte Entwicklungsmöglichkeiten gestattet. Sie können nach derzeitigem Wissen bestimmte Gewebetypen produzieren, aber nicht umprogrammiert werden, alle Gewebe oder gar ein komplettes Lebewesen zu erzeugen. Solche adulten Stammzellen gibt es in jedem Organ. Am bekanntesten sind die Stammzellen der Blutbildung, die seit langem bei der Transplantation von Knochenmark-, Blut- oder Nabelschnurstammzellen verwendet werden. Man konnte gewebetypische Stammzellen aber in fast allen Organen identifizieren, so in Darm, Leber, Muskel, Haut, Knorpel und Knochen. Warum dann die Diskussion um die ethisch problematischen ES-Zellen? Warum nicht statt dessen die weniger kritischen adulten Stammzellen verwenden? Dies rührt daher, dass ES-Zellen wissenschaftlich und anwendungstechnisch derzeit mehr Potential als adulte Stammzellen haben. Ein wichtiger Vorteil ist, dass ES-Zellen relativ einfach passgenau für ein Individuum erzeugt und im Labor gezüchtet werden können. Denkbar sind sogar ES-Zellbanken, aus denen man die für den jeweiligen Patienten immunologisch verträglichen ES-Zellen auswählen könnte. Adulte Stammzellen zu gewinnen ist für Stammzellen der Blutbildung relativ einfach, aber z.B. für Nervengewebe noch ungelöst. Ein weiterer Vorteil der ES-Zellen ist, dass sie theoretisch in jede gewünschte Richtung, z.B. zur Produktion von Nerven-, Blut- oder Muskelzellen, dirigiert werden können. Wie schon erläutert, haben adulte Stammzellen aber nur noch eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten. Mit einem adulten Stammzelltyp ist man daher auf eines oder wenige Gewebe festgelegt. Diese Trennung in „echte" (embryonale) und „unechte" (adulte) Stammzellen ist aber möglicherweise nicht ganz so scharf. Kürzliche Veröffentlichungen haben nämlich gezeigt, dass man z.B. im Knochenmark Stammzellen findet, die unter geeigneten Bedingungen Nerven- oder Bindegewebe produzieren können. Dies lässt Forscher spekulieren (!), dass man bald in der Lage sein könnte, aus einem erwachsenen Organismus Stammzellen zu isolieren, die in mehrere Richtungen entwickelt werden können, ähnlich wie ES-Zellen. Der Weg über die ethisch problematischen ES-Zellen wäre dann nicht mehr nötig (BMJ 321: 1427; 2000 und Kommentare in Nature 408: 275; 2000 und The Lancet 357: 329; 2001). Diese Überlegungen zeigen, dass der rasante Fortschritt der Wissenschaft immer wieder neue Szenarien erzeugt. Um so wichtiger ist das dauernde Ringen um einen gesellschaftlichen Konsens, um die Einigung auf ethische Normen, und um zeitnahe Anpassung von Gesetzen für den Umgang mit Leben in jeder Form. Abblocken jeder Diskussion beim Stichwort „Embryo" ist genauso fehl am Platz wie die Meinung, alles machbare sollte auch umgesetzt werden. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau lädt am Mittwoch, 7.2.01, zu einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema in Wiesbaden ein. << zurück |
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