HSK - Verantwortung für wichtige Fragen

Häufig vorkommende Bakterien können Magenkrebs auslösen (01.10.01)

Eine Veröffentlichung aus Japan könnte erhebliche Auswirkungen auf die Medizin haben: Die Ärzte berichteten von Untersuchungen bei 1526 Patienten mit Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren, Magenpolypen oder Magenbeschwerden ohne Geschwüre. Bei 82% der Patienten fanden sie eine Magenschleimhautinfektion mit dem Bakterium „Helicobacter pylori", ein nicht unerwartetes Ergebnis (s. unten). Unerwartet war jedoch, dass 3% der infizierten Patienten, aber kein einziger der nicht infizierten Patienten, einen Magenkrebs entwickelte. Das Erkrankungsrisiko war 5% nach 10 Jahren! Das höchste Risiko hatten die Patienten ohne nachweisbare Geschwüre (N. Engl. J. Med. 345: 784; 2001).

Magenkrebs ist weltweit der zweithäufigste Krebs und auch die zweithäufigste Krebs- Todesursache. In Deutschland hat die Häufigkeit dieser Krebserkrankung seit vielen Jahren abgenommen; sie steht nur noch auf Platz 6 der „Hitliste" von Krebserkrankungen. Mit etwa 20.000 jährlichen Neuerkrankungen ist der Magenkrebs aber nicht selten und die Sterblichkeit liegt mit etwa 70% hoch. Als Ursache der abnehmenden Zahl von Menschen mit Magenkrebs vermutet man andere Ernährungsgewohnheiten.

Dass Helicobacter pylori Krebserkrankungen des Magens verursachen kann, wurde schon bald nach seiner Entdeckung im Jahr 1982 vermutet. Die WHO hat dieses Bakterium schon 1994 als krebserregend eingestuft. Bewiesen wurde aber bisher nur der Zusammenhang mit den sehr seltenen Magenlymphomen. Dass auch ein „Karzinom", d.h. Magenkrebs im engeren Sinne, entstehen kann, beweist die japanische Untersuchung erstmals eindeutig. Ein Kommentator der Veröffentlichung bemerkte, der Zusammenhang sei durch diese und andere Veröffentlichungen jetzt so klar wie der Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs.

Warum könnte diese Entdeckung die Medizin verändern? Weil man die Infektion der Magenschleimhaut mit Helicobacter pylori durch eine einfache Wochenkur mit einem Antibiotika-Cocktail bei der Mehrzahl der Patienten ein für alle mal beseitigen kann. Diese Behandlung hat bereits die Therapie der Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre revolutioniert, die zu 70-90% durch dieses Bakterium ausgelöst werden. Man war bisher jedoch mit der Antibiotikabehandlung zurückhaltend, wenn kein Geschwür festgestellt wurde. Die aktuell gültigen medizinischen Leitlinien sagen ausdrücklich, dass es keinen Grund gibt, zur Vorbeugung von Magenkrebs die Infektion zu behandeln. Das könnte sich jetzt ändern.

Warum „könnte", wenn der Zusammenhang jetzt weitgehend klar ist? Der Grund liegt darin, dass trotz der aktuellen Veröffentlichung viele Fragen offen sind: Zunächst kann man die Zahl von „5% Magenkrebsrisiko nach 10 Jahren" nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen, da Japaner ein viel höheres Magenkrebsrisiko als Deutsche haben. Dann besteht noch Unklarheit, wie man am besten die meist ohne Beschwerden einhergehende Infektion erkennen kann (Reihenuntersuchungen mit Atem- oder Bluttests?), und wie man dann die wenigen Menschen identifizieren kann, die durch die Infektion einen Krebs entwickeln werden. Schließlich die Gretchenfrage: Rechtfertigt das Risiko die Kosten der Untersuchungen?

Prof. Norbert Frickhofen

<< zurück

fussleisten_bild Stand: 01. Januar 2004 Verantwortlich: Prof. Norbert Frickhofen