HSK - Verantwortung für wichtige Fragen

Hormontherapie beim metastasierten Brustkrebs im Aufwind (04.06.01)

Wenn ein Brustkrebs so weit fortgeschrittenen ist, dass es auch nach Vorbehandlung keine Möglichkeit der Operation gibt, kann nach heutigem Wissensstand die große Mehrzahl der Patientinnen nicht geheilt werden. Durch eine Behandlung mit Antihormonen („Hormontherapie") oder Chemotherapie kann jedoch in vielen Fällen eine Rückbildung von Krebsherden und bei manchen Patientinnen auch eine Verlängerung der Lebenszeit erreicht werden.

Hormontherapie wurde lange Zeit auf ältere Patientinnen beschränkt, da man die Nebenwirkungen einer Chemotherapie fürchtete. Umgekehrt meinen viele Ärzte und Patientinnen, die Chemotherapie sei prinzipiell besser, weil sie meist effektiver ist, was die Rückbildung von Krebsherden betrifft. Dieser Ansicht widersprechen Experten seit langem und es zeigt sich immer mehr, dass Hormontherapie häufig unterschätzt wird.

Die Veröffentlichung einer großen Studie mit weltweit fast 1000 Patientinnen im Mai 2001 bestätigt den Trend zur Hormontherapie als erste Therapiemaßnahme und weist neue Wege. In dieser Studie wurden Patientinnen mit örtlich weit fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs (d.h. mit Tochtergeschwülsten) entweder mit dem seit langem bekannten Antihormon Tamoxifen oder dem relativ neuen „Aromatasehemmer" Letrozol behandelt. Die Studie beschränkte sich auf Patientinnen nach der Menopause, deren Krebszellen Hormonrezeptoren auf ihrer Oberfläche haben oder bei denen diese Untersuchung nicht durchgeführt war. Beide Medikamente erwiesen sich als effektiv. Letrozol war aber dem Tamoxifen in allen Kriterien überlegen: Es sprachen mehr Patientinnen auf die Behandlung an (49% gegenüber 38%) und die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung war länger (41 gegenüber 26 Wochen). Ob eine Lebensverlängerung durch Letrozol erreichbar ist, bleibt abzuwarten. Nebenwirkungen waren bei beiden Medikamenten ähnlich (Hitzewallungen, Übelkeit, Dünnerwerden der Haare). Auch war die Dauer einer Rückbildung von Krebsherden identisch (knapp 2 Jahre, vom Beginn der Therapie ab gerechnet) (Journal of Clinical Oncology 19: 2596; 2001).

Diese Studie hat zusammen mit ähnlichen Studien unter Einsatz des Aromatasehemmers Anastrozol (Journal of Clinical Oncology 18: 3748 und 3758; 2000) zu einem Umdenken geführt: Wenn man bei fortgeschrittenem Brustkrebs als erstes eine Hormontherapie durchführen will, sollte man mit einem der neuen Aromatasehemmer beginnen. Tamoxifen ist in dieser Situation nicht mehr Medikament der ersten Wahl. Dies begründet sich auch auf die geringere Rate an Nebenwirkungen, z.B. Thrombosen und vaginale Blutungen. Dies gilt insbesondere für Frauen, die einen Rückfall ihrer Erkrankung erleben mussten, und früher schon einmal „adjuvant" mit Tamoxifen behandelt wurden, da Tamoxifen dann nur noch selten wirkt. Welcher der neuen Aromatasehemmer am effektivsten ist, wird aktuell untersucht. Die Hersteller der in Deutschland zugelassenen Medikamente Anastrozol (Arimidex®), Letrozol (Femara®) und Exemestan (Aromasin®) versuchen intensiv, die Vorteile ihrer eigenen Substanzen herauszustellen, was man aber bis zum Vorliegen von Vergleichsstudien kritisch sehen sollte.

An dieser großen Studie haben 201 Kliniken in 29 Ländern mitgewirkt. Es ist zu hoffen, dass dies Schule macht, d.h. dass der Trend zu weltweit organisierten und entsprechend schnell durchführbaren Studie anhält. Nur so können die schnellen Fortschritte in der experimentellen Krebsforschung auch schnell in die Praxis umgesetzt werden.

Prof. Norbert Frickhofen

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fussleisten_bild Stand: 01. Januar 2004 Verantwortlich: Prof. Norbert Frickhofen