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Müssen Hormone beim Prostata- und Brustkrebs komplett blockiert werden? |
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Das Prostatakarzinom gehört wie der Brustkrebs zu den hormonsensiblen Tumoren. Das bedeutet, dass männliche Geschlechtshormone (ähnlich wie weibliche beim Brustkrebs) das Wachstum der Krebszellen stimulieren. Umgekehrt "verhungern" die Krebszellen, wenn man ihnen die stimulierenden Hormone entzieht. Dies geschieht beim Mann am effektivsten indirekt: Die männlichen Geschlechtshormone werden in den Hoden unter dem Einfluss des Regulatorhormons "LH-RH" aus der Hirnanhangsdrüse produziert. Blockiert man dieses Regulatorhormon mit "LH-RH-Agonisten" wie Buserelin oder Goserilin, stellen die Hoden die Produktion von männlichen Geschlechtshormonen ein. Dies entspricht einer medikamentösen Kastratation, die aber im Gegensatz zur echten Kastration, d.h. Entfernung der Hoden, jederzeit wieder rückgängig zu machen ist. Kleine Mengen von Geschlechtshormonen werden allerdings auch in den Nebennieren produziert. Behandlung mit LH-RH-Agonisten beeinflusst dies nicht. Daher hat man eine 2. Substanzklasse entwickelt, sogenannte "Antiandrogene", z.B. Flutamid. Kombiniert man einen LH-RH-Agonisten mit einem Antiandrogen, erreicht man einen komplette ("maximale") Androgenblockade. Theoretisch sollte die komplette Androgenblockade die beste hormonelle Behandlung des Prostatkarzinoms sein. Da eine Reihe von klinischen Studien diese Hypothese stützt, gilt für viele Onkologen die komplette Androgenblockade als Standardbehandlung beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom. Eine Zusammenfassung aller Studien, die seit 1981 publiziert wurden, hat jetzt Zweifel an dieser Empfehlung ergeben: Die Analyse von Daten aus der Behandlung von 8275 Männern zeigte, dass der Unterschied zwischen einfacher und kompletter Androgenblockade nach 5 Jahren nur 2-3% beträgt, d.h. nach kombinierter Behandlung leben nach 5 Jahren nur 2-3% mehr Männer (Lancet 355: 1491; 2000). Dies ist ein Unterschied, der für viele Ärzte und Patienten unerheblich ist, insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass die Nebenwirkungen der kombinierten Behandlung und die Kosten höher sind. Dieses Ergebnis zeigt wieder einmal, dass Therapieempfehlungen, insbesondere belastende und teure, erst nach ausreichender Erfahrung mit neuen Konzepten als definitiv gelten sollten. Eine ähnliche Diskussion ist beim Brustkrebs zu erwarten. Auch bei dieser Krebsform wird aus exakt den gleichen Überlegungen heraus bei Frauen, die vor Eintritt der Menopause einen Brustkrebs entwickeln, zunehmend ein kompletter Hormonentzug mit LH-RH- Agonisten (z.B. Goserelin) und Antiöstrogenen (z.B. Tamoxifen) empfohlen. Eine österreichische Studie unter Leitung von R. Jakesz konnte nämlich zeigen, dass diese komplette Östrogenblockade bei jungen Frauen mit Hormonrezeptor-positiven Tumoren ohne Metastasen sogar effektiver als eine Chemotherapie sein kann (mitgeteilt am 8.12.1999 in San Antonio, USA). Viele Frauen werden sich jetzt verständlicherweise gerne für die "milde Hormontherapie" und gegen die "aggressive Chemotherapie" entscheiden, ohne allerdings zu berücksichtigen, dass der komplette Hormonentzug für eine Frau eine massive Belastung darstellen kann. Auch wenn die Ergebnisse hoch interessant und wegweisend sind (z.B. auch hinsichtlich der Wirkung der Chemotherapie über hormonelle Effekte!), müssen auch hier Effektivität und Belastung der Patientinnen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. << zurück |
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